Stirb und werde – Der Schriftsteller André Gide

Geschrieben am 11. Mai 2012

André Guillaume Gide (1869-1951) gilt als einer der einflußreichsten Dichter der modernen frankophonen Literatur. Nach dem frühen Tod seines Vaters, gedieh ihm die streng religiöse Erziehung der Mutter an, deren spätere Abkehr Gides eines der zentralen Themen in seinen Werken wurde. Einschneidend für seine Loslösung vom Calvinismus war zum einen ein zweijähriger Aufenthalt in Tunis (1893-1895), zum anderen die Bekanntschaft mit dem irischen Dichterdandy Oscar Wilde. Durch Wildes Einfluß verfeinerte Gide sein ästhetisches Urteilsvermögen und wurde zu einem großen Bewunderer, insbesondere körperlicher Schönheit, die er fast ungezügelt genoß.

Sein Werk spiegelt den unaufhörlichen Kampf gegen die Kirche und gegen ihre Moralvorstellungen sowie seine puritanische Erziehung wider. Insbesondere sein Werk L’Immoraliste (dt. Der Immoralist), mit dem ihm nach einigen kleineren Publikationen, 1902 der literarische Durchbruch gelang, zeigt jenen Versuch einer Loslösung von jeglichen religiösen Inhalten. Hier führt der Protagonist Michel Gides Kampf. Michel, Sohn einer wohlhabenden Familie, verheiratet sich auf Wunsch des Vaters mit Marceline, der er vorerst nur leidenschaftslose und konventionell geforderte Zuneigung entgegenbringt. Auf einer Reise nach Algerien erkrankt Michel an Tuberkulose. Die lange Rekonvalenszenzzeit schürt in ihm den Wunsch wieder ganz und gar zu gesunden und weckt die Gier nach sinnlichen Genüssen. Erstes Objekt seiner Begierde, nach seiner Heilung, ist Marceline, die ihm aber alsbald nicht mehr genügt und er zahlreiche homosexuelle Ausschweifungen folgen läßt. Nachdem Marceline ebenfalls an Tuberkulose erkrankt, entledigt sich Michel sämtlicher moralisch-konventioneller Hemmschuhe und schleppt die kranke Marceline auf kostspielige Reisen, auf denen er ausschließlich sein eigenes Vergnügen sucht, ohne sich weiter um seine im Sterben liegende Gattin zu kümmern. Das Werk Der Immoralist motivierte immer wieder Literaturwissenschaftler, Gide in die Nähe des moralischen Nihilisten Nietzsche zu rücken. Tatsächlich solle Der Immoralist eine Parallele zu Nietzsches Konzeptionen des “aufsteigenden” und “niedergehenden” Lebens bilden.

André Gide veband eine jahrzehntelange Verbindung mit den französischen Kolonien in Afrika. Neben vielen privaten Erholungs- und Inspirationsreisen, wurde er 1925 auf Sonderauftrag des damaligen Kolonialministers in den Kongo entsandt, was Gide einen tiefen und erschütternden Einblick in die fränzösischen Kolonialmethoden gewährte. Da ist von Kinderverschleppungen und grausamen Massakern die Rede. Seine Erfahrungen schrieb er in sein damals für großes politisches Aufsehen sorgendes Werk Voyage au Congo (dt. Kongoreise) nieder. Es handelt sich hierbei um ein Reisetagebuch, das 1927 veröffentlicht wurde. Gides Aufgaben führten ihn von der Kongomündung flußaufwärts bis zum Tschadsee. Immer wieder versucht er sich als Laiengeologe, wenn er im überraschend nüchternen Ton über topographische und klimatische Eigenheiten des Landes schreibt. Hier und da werden die Aufzeichnungen und Berichte Gides von enthusiastischen Darstellungen der exotischen Vegetation unterbrochen.

Eines seiner lesenswertesten Werke ist seine Autobiographie Si le grain ne meurt (dt. Stirb und werde). Hier schildert er kompromisslos und ehrlich die Zeit zwischen den Jahren 1869 bis 1895, dem Jahr seiner Verlobung mit seiner Cousine Madeleine Rondeaux. Man erhält einen Einblick in das Leben eines zerrissenen Autors, der mit sich und religiösen Konventionen kämpft und diese immer wieder verzweifelt versucht abzustreifen.

Das literarisch wohl erfolgreichste Ereignis im Leben Gides, war die Nobelpreisverleihung im Jahre 1947. Als siebter französischer Autor reihte sich André Gide in die illustre Reihe großer Namen, wie Sully Prudhomme (1901), Anatole France (1921) und Henri Bergson (1927) ein.

In den Werken André Gides finden sich Protagonisten, die nach unbegrenzter Freiheit streben. Sie sind versucht, durch extreme und unkonventionelle Handlungen, zu sterben und ihre tote Hülle zurückzulassen, um in einem neuen Leben Personen zu werden, die sich gänzlich vom Joch der herkömmlichen Moral befreit haben. Gide selbst ist ein subversiver und zugleich konstruktiver Autor; ein empfindsamer Beobachter und Meister der unterschiedlichsten Stilarten, die er virtuos in seinen Werken zusammenführt.

André Gide: Der Immoralist. 1997 [1902]. (amazon.de)

André Gide: Kongoreise. 1991 [1927]. (buchhandel.de)

André Gide: Stirb und werde. 2001 [1924]. (amazon.de)